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Das alte Schlachtross ganz kleinlaut
15.12.2007
Zugegeben – „Wetten, dass…“ und die FM4 Radio Sessions haben nicht viel gemeinsam. Besser gesagt mutet die gemeinsame Erwähnung dieser beiden Institutionen als Frechheit an. Das eine laut, für gewöhnlich höchst unlustig, verzichtbar und unnötig in die Länge gezogen – die FM4 Sessions im Radiokulturhaus stehen da als vollkommener Gegenpol. Aber – wahrscheinlich hat man unachtsam darüber gelesen: Institution! Das ist das richtige Stichwort.

Denn so könnten diese besonderen Abende im Funkhaus schon betitelt werden, mit welchen in gepflegter Unregelmäßigkeit glückliche Gewinner (meist kreative Köpfe, denke man an diverse Competitions, die meist einiges abverlangen) und noch glücklichere Pressemenschen beschenkt werden. Tradition ist auch, dass diese Abende im Vergleich mit „regulären“ Konzerten immer etwas kurz geraten, was aber auch ihren Reiz ausmacht. Die Erwartungen sind jedes Mal hoch, nie werden sie enttäuscht.

Genauso verlief auch die Session, bei welcher sich das „alte Schlachtross“ (© Dirk von Lowtzow) Tocotronic die Ehre gab – besser gesagt nur dessen (bessere?) Hälfte, nämlich Sänger/Dichter/Querdenker/Genie von Lowtzow und Rick McPhail. Begonnen wurde mit dem äußerst selten performten Stück „Andere Ufer“ – also eine B-Seite zu Anfang. Und obwohl im Laufe des Abends noch Unverzichtbares wie „Sie wollen uns erzählen“, „Drüben auf dem Hügel“ oder „Freiburg“ folgen sollte, war bereits zu diesem frühen Zeitpunkt die Vermutung, dass man soeben den unbestrittenen Höhepunkt des Abends miterleben darf, gerechtfertigt. Unfassbar eindringlich wurde die traumhaft schöne, ruhige Nummer von Dirk von Lowtzow im Alleingang zum Besten gegeben. Alle im Raum wirkten bei der verströmten Ernsthaftigkeit etwas beklemmt, der Applaus fiel umso intensiver aus.

Danach nahm der Abend eine unerwartete Wendung: von Lowtzow selbst sorgte mit seinen knappen, aber durchwegs amüsanten und stets ungezwungen wirkenden Statements für eine angenehme Atmosphäre – damit war nicht unbedingt zu rechnen. Vielmehr war man auf zugespitzte Intellektualität und straffe Seriosität eingestellt. „Mein Ruin“ verfehlte ebenso wie im Original seine Wirkung nicht; „Dieses Jahr“ – sicherlich als (nicht benötigte) Auflockerung gedacht – entpuppte sich hingegen als schlicht überflüssig und nicht besonders gelungen.

Dass dem Mitsing-Aufruf zu „Kapitulation“ von Seiten des Publikums nicht Folge geleistet wurde, verkam nur zur Randnotiz. Interessanter war die Frage, wann denn nun endlich der wie eine Drohung postierte Konzertflügel zum Einsatz kommen würde. Erst beim zehnten Stück war es soweit – ausgerechnet „Jackpot“ wurde so zu etwas ganz Besonderem. Alleine die Art und Weise, wie die prägnanten Anfangstöne des Songs interpretiert wurden, ließ jeden Fan aufjubeln – zumindest innerlich.

Rick McPhail, der sich bei dem einen oder anderen Stück gut an der Steel-Guitar machte, war dafür verantwortlich, dass „Pure Vernunft darf niemals siegen“ erst im zweiten Anlauf gelang. Auch dies war ein Indiz für die völlig relaxte Atmosphäre im großen Sendesaal. Was der Grund dafür war, dass Dirk von Lowtzow das Lied ein zweites Mal „einschreien“ musste? McPhail hatte einfach vergessen, seine E-Gitarre wieder anzustecken, nachdem er sich bei den vorhergegangenen Stücken an Piano und Steel-Guitar zu schaffen machte. So ist die Feststellung, dass Tocotronic doch noch nicht von purer Vernunft vereinnahmt worden sind, eine aufgelegte.

Setlist:
Andere Ufer
Mein Ruin
Ich habe Stimmen gehört
Kapitulation
Sailorman
Dieses Jahr
Sie wollen uns erzählen
Wehrlos
Freiburg
Jackpot
Drüben auf dem Hügel
Pure Vernunft darf niemals siegen


Tocotronic, 11. Dezember 2007, Radiokulturhaus 2007

Fotos: fm4.orf.at
 
 

15.12.2007, 14:56 von T. Hochwarter


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